Verkörperte Kognition auf Pilgerreise

Verkörperte Kognition auf Pilgerreise

Erfahrungen der Pilgerreise EINFACH GEHEN von der Hansestadt Wipperfürth nach Marienheide im Bergischen Land. Du bekommst einen Einblick in die Hintergründe einer Aktion, die Teil dieser Reise ist. Wir setzen uns mit dem Thema Gehen auseinander und beobachten wie sich die eigene Wahrnehmung durch unseren Körper verändert.

Gehübung im Frankenforst bei Köln

Hintergründe

„Denk doch mal nach!“ ist wohl der gut gemeinte Satz, den wir immer mal wieder hören von Familienmitgliedern, Kollegen oder Freunden. Traditionell scheint unser Gehirn die höchste Kontrollinstanz zu sein. Wir sehen Geist, Gehirn und Psyche getrennt vom Körper an. Demnach hängt der Körper wie ein Sack unten am Kopf.

Traditionelle Sichtweise mit Gehirn als Kontrollinstanz

Wir bekommen Impulse von unserer Umwelt, unser Gehirn gibt einen Befehl an unseren Körper und es geht los. Arme und Beine bewegen sich, wir machen dieses oder jenes.

Die Bedeutung und Erfahrungen die wir sammeln, entstehen durch die andauernde Wechselwirkung von Gehirn, Körper und Umwelt. Verbessern können wir unsere Handlungsfähigkeit, wenn wir unsere Gehirn, unser Wissen trainieren und erweitern, nur genug nachdenken und regelmäßig daran arbeiten, geistig fit zu bleiben.

Immanuel Kant, deutscher Philosoph und Querdenker wagt die Hypothese, dass Körper und Geist zwar separate Einheiten aber eng miteinander verbunden sind. Er glaubte, dass unsere Fähigkeit zu denken, eng mit unserer körperlichen Verfassung zusammen hängt. Für Kant ist zum Denken körperliche Bewegung notwendig. Er behauptet, dadurch werden geistige Impulse und Verknüpfungen erzeugt oder neu zugänglich.

Das Modell der Verkörperten Kognition greift diese Gedanken von Kant 200 Jahre später auf. Hier ist unser Gehirn, Geist und Psyche eng verbunden mit unserem Körper und im ständigen Austausch. Der Mensch als Ganzes ist eingebettet in seine

 

Modell der Verkörperten Kognition

Umwelt, mit der er in einer engen Wechselwirkung lebt. Unsere Handlungsfähigkeit verbessern, heißt Kopplungen zu optimieren. Kopplungen bedeutet hierbei die Wahrnehmung auf bewusster und unbewusster Ebene. Hier gibt es keine richtige Hauptzentrale. Manche sprechen schon von der Hypothese des erweiterten Bewusstseins.

 

Wer schon mal einen richtig schlechten Tag hatte, die Stirn in tiefen Falten, die Augen zusammengekniffen oder mit den Zähnen geknirscht hat, wird schon erfahren haben wie diese Verrenkungen im Gesicht die schlechte Stimmung unterstützt oder sogar verschlechtert haben (das sogenannte Facialfeedback). Wer nicht, kann gerne einmal testen was 10 Sekunden Stirnrunzeln, Augenbrauen zusammen ziehen und Lippen zusammen pressen für einen Einfluss auf seine Stimmung haben.

Ebenso wie unser Gesicht, hat unsere Körperhaltung einen großen Einfluss auf die gute Laune. Ich erinnere mich noch gut an lange sonntägliche Winterspaziergänge mit der Familie in der Kindheit um nicht enden wollende Talsperren. Ich schleppte mich Schritt für Schritt hinterher, den Boden fest im Blick und grimmig drein schauend. Die Frage die ich mir damals wohl stellte: „Wie sehe ich mich jetzt und wie sehen ich meine Umwelt?“, darf sich jeder selber beantworten (wird auch Bodyfeedback genannt)

Die Frage die dahinter steht: „Wie bekomme ich meine gute Laune, oder besser noch, wie bekomme ich meine Handlungsfähigkeit wieder?“. Instinktiv wählte ich als Kind die für mich richtige Handlung. Nach vorne Beugen, Erdkontakt aufnehmen, Schneeball formen, aufrichten, lang machen und mit weit ausgeholter Armbewegung… und so weiter. Natürlich war diese Form der Wiederherstellung der Handlungsfähigkeit noch nicht voll ausgereift. Tatsache ist, dass ich mit meiner Familie eine herrliche Schneeballschlacht, inklusive einer Vollwaschung mit Schnee erarbeitete.

Wenn das keine gute Laune macht, dann stell Dir vor, in eine Zitrone zu beißen, oder verzieh Deinen Mundwinkel wie bei einen herzhaften lachen einige Sekunden. Vera F. Birkenbihl, Motivationstrainerin empfiehlt 60 Sekunden. Wie sieht es jetzt aus mit Deinem Facialfeedback? Steigt oder singt die Laune?

Zunächst einmal, Handlungsfähigkeit lässt sich nicht verordnen. Sie muss gewollt werden und authentisch sein. Deshalb ist Lach Yoga nicht für jeden etwas.

Eine Teilnehmerin meiner Pilgertouren hatte Probleme mit den verschiedenen Körperhaltungen bei den Gehübungen. Die Unterschiede der verschiedenen Körperhaltungen konnte sie nicht recht greifen. Nach einigen Fragen von mir entschied ich, mit ihr eine Atemübung zu machen. Ich ließ sie einige Male tief ein- und ausatmen und sie sollte ihre Atmungsfähigkeit durch eine Skalierung von eins bis Zehn einordnen. Zehn ist dabei super. Wie frei und tief kann ich atmen? Anschließend fragte ich sie, ob ich meine Hand zwischen Ihre Schulterblätter legen dürfe. Wir wiederholten diese kleine Selbsterfahrung mit einen bemerkbaren Unterschied für sie.

Sie richtete sich sichtlich auf und erweiterte dadurch die Volumenfunktion der Atemorgane, was die Atmung für sie spürbar vertiefte. Zudem entstand eine  Kopplungsfunktion. Die Wahrnehmung meiner Hand von außen auf ihren Rücken, gab ihr das Gefühl unterstützt zu werden. Die Hand stellt dabei eine positive Umwelt da.

Eine weitere Teilnehmerin hatte Probleme durch ihre ruhige und leise Stimme wahrgenommen zu werden. Wir unterhielten uns kurz, in welchen Situationen dass für sie relevant ist.

Ich fragte sie anschließend nach ihren Erfahrungen zu einer Übung, die sie mir in einigen Sätzen wieder gab. Ich bat die anderen Teilnehmer, ihre Gesprächslautstärke einzuordnen über eine bekannte Skalierungsmatrix. Anschließend veränderten wir ihre Kopplungsfunktion zur Umwelt, indem sie ihre Hände wie Muscheln auf die Ohren legte, die Öffnung der Muschel zum Hinterkopf. Sie hörte sich nun noch leiser als vorher. In dieser Haltung bat ich sie erneut, etwas zur Übung zu berichten. Die Stimme wurde jetzt fester und lauter. Sie bekam durch diese kleine Selbsterfahrungseinheit ein verändertes Körpergefühl, wieder durch eine veränderte Umweltwahrnehmung, die sie sich selber auferlegte.

Die Umwelt stimuliert unseren Geist, Gehirn und Psyche. Viele kennen das, dass der Stoffwechsel am rauschenden Bach häufiger und besser funktioniert. Unsere Umgebung und damit meine ich auch unsere Wohnung hat einen Aufforderungscharakter. Wer sich in seiner Küche aufhält, wird wissen was ich meine. Dort gibt es immer etwas zu putzen oder zu räumen.

Deshalb ist ein erster Schritt zum besseren Wahrnehmen Deines Körpers, die gewohnte Komfortzone zu verlassen. Suche Dir Menschen, eine Umgebung die Dir wohl gesonnen ist, die Dir gefällt, an der Du Dich wohl fühlst. Du brauchst vielleicht zum Anfang etwas mehr Zeit um Dein Körper zum Denken zu bringen, vielleicht sogar Unterstützung.

Nehme wahr, was Dir gerade auf dem Weg begegnet, suche Dir schöne Motive, starre diese sprichwörtlich einige Sekunden an, schließe sie die Augen, male das gesehene Bild vor deinen geistigen Auge nach und vergleichen es vielleicht nochmals mit dem Original. Das kannst Du solange wiederholen, bis Du die Sicherheit gewonnen hast, dass Du dieses schöne Bild jederzeit wieder abrufen kannst vor Deinem geistigen Auge. Du wirst vielleicht sogar eine Veränderung in deinem Körpergefühl bemerken.

Schon hast Du eine einfache Form der verkörperten Kognition kennen gelernt.

 

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