Systemische Methoden auf Pilgerreisen

Abschlussarbeit der Weiterbildung „Systemische Beratung“

Thema

Das Thema dieser Abschlussarbeit beinhaltet den Einsatz von systemischen Methoden und Gesprächstechniken aus der Systemischen Beratung auf begleiteten Pilgerreisen. Ich erkläre den Begriff „Pilgern“ aus meiner Sicht, Gründe für das begleitete Pilgern und über eine praktische Umsetzung systemischer Methoden und Gesprächstechniken auf dem Jakobsweg.

Zudem führe ich kurz in die Systemische Beratung und meine Grundhaltungen ein. Welche Grenzen und Möglichkeiten ergeben sich aus der Kombination Pilgern und Selbsterfahrung mit Systemischen Methoden und Gesprächstechniken und füge am Ende der Hausarbeit eine kurze persönliche Reflektion an.

Einleitung

Im Jahre 2013 unternahm ich im Rahmen einer 6 monatigen Auszeit meine erste eigene siebenwöchige Pilgerreise in Spanien. Ich arbeitete zum damaligen Zeitpunkt in einem mittelständischen Unternehmen mit 500 Mitarbeitern und war verantwortlich für das Projektmanagement und die Koordination von Six Sigma Projekten. Ich hatte mir mit dieser Auszeit den Wunsch nach einer selbstbestimmten freien Zeit erfüllt. Ich entschied mich, einen Teil dieser Zeit zu einer Pilgerreise nach Santiago de Compostela zu nutzen .Und so durchwanderte ich Spanien von Ost nach West und legte circa 1100 Kilometer zurück. Viele weitere Pilgerkilometer folgten in Deutschland, Frankreich, England und Israel. Mein Beweggrund diesen Weg zu gehen, war es Vergangenes zu verarbeiten und zu überlegen wie es in Zukunft weiter gehen darf. Ich hatte viele Fragen und suchte nach Antworten. Zudem reizte mich die Ungewissheit einer solchen Reise. Auch war ich neugierig, wie ich mit dieser ungewohnten Lebenssituation umgehen würde.

Die Beantwortung einiger dieser Fragen führte dazu, dass ich meine alte Tätigkeit als Six Sigma Koordinator und Maschinenbaukonstrukteur beendete.

Zugleich wurde ich während dieser Zeit meiner Auseinandersetzung mit den eigenen Fragen auf die Systemische Beratung aufmerksam. Hier bemerkte ich schnell die Wirksamkeit. Mir gefielen der wertschätzende und konstruktive Umgang und wie zügig neue Erkenntnisse in meinen beruflichen und persönlichen Alltag integriert werden konnten. So begann ich im November 2014 die Weiterbildung zum Systemischen Berater am Institut BSB in Radevormwald.

Im Dezember 2014 entwickelte sich die Grundidee, meine Pilgererfahrung mit Werkzeugen aus der Systemischen Beratung zu vereinigen und zu einem Angebot für Kunden zu machen, die eine professionelle Begleitung auf Pilgerreisen wünschen.

2.1 Systemische Beratung

Die Systemische Beratung unterstützt beim Explorieren von Sicht- und Wahrnehmungsweisen. Wirklichkeiten sind subjektiv erfahrbar und deshalb bei jedem Menschen individuell. Das bedeutet in der Beratung, dass sich der Berater durch eine fragende Haltung der Wirklichkeitsform des Klienten annähert, ohne direkt Teil dessen zu werden. Durch das Herausarbeiten von Gefühlen in bestimmten Situationen oder Ereignissen ist es möglich, dass sich der Klient reflektiert und Einblick auf eigene Ressourcen bekommt. Dadurch bekommt er Wahlmöglichkeiten, das zu überwinden was nicht mehr zeitgemäß ist, bzw. Probleme bereitet.

2.1.1 Systemische Grundhaltung des Beraters/Pilgerbegleiters

Vor dem Kontext einer Pilgerreise überschreitet die Durchführung einer systemischen Beratung die Möglichkeit des Pilgerbegleiters. Es kommt aber zum Anwenden systemischer Methoden in der Einzel- oder Gruppenarbeit. Dazu benötigt der Pilgerbegleiter, ebenso wie der systemische Berater, eine Grundhaltung, die den guten Zugang zum Kunden (Der Begriff des Kunden entspricht einfachheitshalber der des Klienten)  ermöglicht oder erleichtert, denn genauso wichtig, wie die Grundhaltung des sich Einlassens, der Neugier und Offenheit von Seiten des Kunden auf einer begleiteten Pilgerreise abgeklärt sein sollte, ist es wesentlich, die Grundhaltung des Beraters/Pilgerbegleiters zu klären.

Der Berater/ Begleiter muss sich im Klaren sein, wie er den Teilnehmer auf einer mehrtägigen Reise begegnet, um mögliche Stolpersteine und Hindernisse aus dem Weg zu gehen die das Setting bzw. Reise mit dem Kunden erschweren können.

Im Anschluss beschreibe ich die für mich wichtigsten Grundhaltungen:

2.1.1.1 Empathie

Empathie bedeutet einen Kontakt zu dem, was die andere Person gerade bewegt, herzustellen. Das sind in erster Linie Gefühle und Bedürfnisse, ggf. werden noch die Auslöser und Beobachtungen hinzugefügt Die Kunst bei der Empathie ist es, sich als Begleiter soweit wie möglich außen vor zu lassen und mit der ganzen Aufmerksamkeit bei dem Kunden zu sein. Man begleitet die andere Person in ihrer Welt, das heißt, mit allen Sinnen bei ihr zu sein.

Das macht die empathische Wirkung aus.

Auch Empathie ohne Worte ist möglich. Jede Handlung ist der Ausdruck für die Erfüllung eines Bedürfnisses. Dadurch, dass man versucht die Gefühle und Bedürfnisse des Anderen gedanklich zu erforschen, kann man sich auch nonverbal mit dem was im Gegenüber an Bedürfnissen lebendig ist, verbinden.

Das hilft bei gegenläufigen Meinungen weiterhin empathisch zu bleiben.

2.1.1.2 Neugier

Neugier ist der starke Wunsch, etwas Bestimmtes zu erfahren oder zu wissen oder kennen zu lernen. Es signalisiert ein echtes Interesse am Thema und belebt den Prozess. Gerade die systemischen Fragetechniken bieten einem die Möglichkeit, die Sichtweise des Kunden zu erfahren. Durch Neugier erfährt man Beweggründe für Handlungen. Gleichzeitig erkennt man an, dass jeder Mensch in seiner Individualität ein großes Potenzial besitzt, das es sich lohnt zu erkunden. Sie ist eine Grundlage für die spätere gezielte Zusammenarbeit mit dem Kunden.

2.1.1.3 Wertschätzung

Wertschätzung ist eine positive Bewertung oder Grundhaltung gegenüber eines anderen Menschen. Schon die Begrüßung oder ein Lächeln kann Wertschätzung ausdrücken. Auch ein Kontakt auf Augenhöhe, kleine Geschenke und Verständnis für die Situation des Gegenübers drücken diese aus.

Die Anerkennung, dass Menschen zu jeder Zeit ihr Bestes geben und das aufmerksam machen auf Begebenheiten die einem gefallen, ist auch ein Ausdruck von Wertschätzung. Wichtig dabei ist es nicht zu manipulieren oder Erwartungen damit zu verknüpfen. Sie erleichtert mir den Zugang zum Menschen und schafft eine Atmosphäre in der Veränderung möglich ist.

 2.1.2 Pilgern

Was ist Pilgern? Pilgern ist eine ganzheitliche Form des Reisens, die das Verlassen der gewohnten Umgebung bedeutet, weg von der Familie, den Freunden und raus aus dem Arbeitsleben. Der Pilger zieht los aus einer Sesshaftigkeit und begegnet jeden Tag neuen Wegen, Menschen und Unterkünften. Das Haus, die Verantwortung,  verwandelt sich in einen kleinen Rucksack. Anstatt mit Autos, Bussen und Flugzeugen zu reisen, geht er langsam Tag für Tag 20 bis 30 Kilometer. Die Wohnung wird eingetauscht durch zwei Quadratmeter Matratze und einige Minuten Zeit für Bad und Toilettenbenutzung. Anstatt gewohnter Plätze, an denen er sich auskennt und normalerweise schnell seine Einkäufe erledigt, sucht er jeden Tag von neuem nach Möglichkeiten Essen und Trinken zu bekommen. Der Wetterschutz besteht nicht mehr aus einer gemütlichen Wohnung oder einem warmen Auto. Der Pilger ist tagsüber Sonne, Regen, Wärme und Kälte in der Natur ausgeliefert. Nur die Kleidung als Schützt. Das zeigt, das Pilgern Langsamkeit und Einfachheit bedeutet

Ein wesentlicher Bestandteil des Pilgerns ist das Gehen. Gehen ist die ureigene Fortbewegung der Menschen seit vielen Millionen Jahren.

Die körperliche Betätigung des einfachen Gehens schüttet Glückshormone aus, die zu einem allgemein besseren Wohlbefinden führen. Der gesamte Organismus fällt dabei in einen Zustand der Ausgeglichenheit, den das Gehirn als angstfrei, entspannt und wohltuend deutet. Das kann damit erklärt werden, dass durch die entstehende Ruhe und Abkehr vom Stress und Druck des Alltags der Parasympathikus des vegetativen Nervensystems aktiv wird. Dieser wird auch als Ruhenerv bezeichnet und ist in hohem Maß für Erholungsvorgänge des Körpers verantwortlich. Dies führt beispielsweise zu einer Aktivierung der Verdauungsorgane und einer Entlastung des Herzens. Zudem werden die linke und rechte Körperhälfte gleichmäßig beansprucht, wodurch unser Harmonieempfinden gesteigert wird. Dies ist wiederum mit der Verkörperten Kognition erklärbar. Das heißt, Denken ist nicht losgelöst von der körperlichen Funktion.(Quelle:htpp.www.karteikarte.com/card/was ist die verkörperte Kognition).

Auch die Natur gehört zum Pilgern. Bilder von unberührter Natur und schönen Landschaften wirken tröstend und beruhigend. Studien haben ergeben, dass Sportler, die durch den Stadtpark laufen, sich erholter fühlen als Indoor Sportler (Quelle: Stefan Albus (2016), Jakobsweg und dann). Die Natur gibt Ruhe und Struktur, das wirkt auf die Psyche und verbessert die Stimmungslage. Die Lebensqualität verbessert sich laut mehrerer Studien signifikant und diese Verbesserung zeigt sich in  Form von Abbau seelischer Belastung, Krisenintervention, Alltagsstress vergessen und Lösungen näher kommen.(Quelle: http//…Universität Trier. Pilgern auf dem Jakobsweg. Erwartungen und Erfahrungen im Lichte einer Fragebogenstudie)

Ob man das Pilgern alleine unternimmt oder in einer Gemeinschaft, es ist eine spirituelle Reise von Menschen, die sich auf die Suche machen.

Der Glaube und damit der spirituelle Anteil an dieser Reise gehören ebenso dazu. Der Glaube an sich selbst, sowie an Ziele und auch äußere Umstände, ist ein elementarer Bestandteil jeder Persönlichkeit. Dabei wird der Begriff „Glaube“ nicht als ausschließlich religiöser Begriff verstanden, sondern als universelle Grundlage jeder Existenz.

 

2.1.3 Motivation zum Pilgern

Unabhängig von der sinkenden Motivation von vielen Menschen sich kirchlichen gottsuchenden Institutionen anzuvertrauen, ist das Pilgern eine moderne Form der Seelenhygiene, Sinnsuche, Selbstfindung und Krisenintervention, die in den letzten 20 Jahren sehr stark an Beliebtheit zugenommen hat.

Hauptgrund für die Entscheidung, sich auf den Weg zu machen ist nach wie vor der Glauben. Dieser ist bei über 57% Prozent der Befragten ein Motiv. Entspannung (46%), Selbstfindung (45%), Abenteuerlust (39%), sowie Rat und Rettung aus einer Krisensituation (22%) sind weitere Motive (Quelle: http://jakobsweg-lebensweg.de/zahlen-und-statistiken). Menschen die pilgern sind nach Auswertung vieler Studien und auch nach meiner Erfahrung als Pilgerbegleiter Suchende. (Quelle: www.Wanderforschung.de, Sinnsuche per Pedes, Markus Gamber und Julia Reuter).

Menschen die pilgern kommen aus hochqualifizierten Berufsgruppen, Rund die Hälfte verfügt über einen Hochschulabschluss, weitere 20% über das Abitur (Quelle: http://www.wanderforschung.de/files/pilgerstudie041330457204.pdf). Pilgern ist eine Aktivität gehobener Bildungsschichten, was wohl weniger mit geistigen Vermögen sondern mehr mit der Komplexität und Anforderung korreliert, den diese Menschen im Alltag ausgesetzt sind. Gleichzeitig ist gerade dort die Einfachheit und Langsamkeit ein Gegenpol zu ihrem Alltag.

 

2.1.4 Pilgerbegleitung

Wo ist nun der Mehrwert einer Pilgerbegleitung mit Systemischen Qualifikationen.

Ein Versuch während meiner Weiterbildung mit einem Kopfkrauler zeigte mir genau diesen Mehrwert bei einer Kopfmassage. Mir selber ist es nicht möglich Eigenmassage mit der gleich großen Intensität durchzuführen, wie es ein Zweiter könnte. Das heißt, die Intensität auf einer begleiteten Reise ist eine tiefere, als wenn der Teilnehmer sich alleine auf den Weg macht.

Bei der Einarbeitung in ein neues Themenfeld ist es notwendig neue Informationen einzuholen. Das Arbeiten mit einem Fachmann auf diesem neuen Themenfeld, hier Pilgern, bedeutet schnell auf die wesentliche Punkte zu kommen und an den Erfahrungen teilhaben zu können.

Pilgerreisen werden meist auf verschieden Ebenen durchgeführt. Auf körperlicher, seelischer und geistiger Ebene. Jede dieser Ebene benötigt eine Vorbereitung, Begleitung und Nachsorge bei besonderer oder neuer Beanspruchung. Jede dieser Ebene kann Themen beinhalten, mit denen sich der Pilger auseinandersetzen möchte. Ein Pilgerbegleiter hat diese Ebenen und Entwicklungen im Blick und begleitet die Pilger in diesem Prozess durch Strukturierung der Pilgerreise. Er übernimmt die Verantwortung für die Struktur, nicht aber für den Inhalt, der vom Pilger selbst eingebracht wird.

Folgende Motivationen sind Gründe warum sich Menschen zu einer Pilgerbegleitung entscheiden:

In der Regel sind die Teilnehmer interessiert an Neuem. Sie sind neugierig etwas über das Pilgern, die Natur und die anderen Teilnehmer zu erfahren. Sie suchen nach Impulsen für ihren Alltag. Deshalb sind die Selbsterfahrungseinheiten ein wesentlicher Bestandteil schnell und effektiv etwas Neues über sich und andere zu erfahren, das wiederum für die Verbesserung der individuellen Lebenssituation genutzt werden kann.

Ein häufig angesprochener Aspekt ist die Sicherheit. Obwohl gerade auf den Jakobswegen die Übergriffe auf Pilger sehr gering sind,(mir ist nur ein Fall aus dem Jahr 2015 bekannt, in dem eine Pilgerin vermisst wird), ist die Sorge vor Übergriffen doch vorhanden.

Viele von denen, die sich auf den Weg machen, gehen eine mehrtägige Tour das erste Mal. Vielfach nährt sich die Sorge auch aus den unbekannten Anforderungen -allein auf körperlicher Ebene, mit Rucksack und Weglängen von bis zu 30 Kilometer am Tag. Hier ist die entsprechende Vorbereitung der Ausrüstung und Fitness der Teilnehmer enorm wichtig. Die vorgegebene Struktur und die Informationen durch den Begleiter, über das unmittelbar Anstehende, dienen in hohem Maße dem Bedürfnis nach Sicherheit.

In der Vorstellungsrunde werden Themen wie Achtsamkeit, Langsamkeit, Freiheit, Verschwiegenheit und das Thema „Störungen haben Vorrang“ mitgeteilt. Diese Regeln und Strukturen unterstützen zudem das Sicherheitsgefühl und Vertrauen.

Für viele Mitpilger ist es wichtig, im Hintergrund jemanden zu wissen, dem sie sich bei Problemen anvertrauen können.

Krisenintervention ist ebenfalls ein Aspekt für eine begleitete Tour. Ob familiäre oder berufliche Themen, viele suchen nach neuen Antworten. Einige stecken in einer handfesten Krise.

Die Gemeinschaft von Gleichgesinnten, die gegenseitige Wertschätzung für das Erreichte oder den Mut Neues zu wagen sind ebenfalls wichtige, wenn auch nicht immer so bewusste Gründe, sich für eine Begleitung zu entscheiden. Die Gemeinsamkeit stärkt das Selbstvertrauen und hilft bei Situationen, in denen es nicht so gut läuft.

Meine Erfahrung ist, dass der Einstieg in die Pilgerreise der Teilnehmer und damit der Ausstieg aus dem Alltagsbelastungen wesentlich schneller geht, da viele Hindernisse dem Pilgerbegleiter schon bekannt sind und in Gesprächen und Selbsterfahrungen geübt wurden. Wie zum Beispiel der Umgang mit Einsamkeit, eigener Gehgeschwindigkeit, Umgang mit Störungen, Gefahr von Verletzungen u.v.m. Für alle diese Themen gibt es im Vorfeld und während der Reise Informationen, die das Risiko senken.

Es ist für vieles gesorgt: Wege sind bekannt und müssen nicht mehr gesucht werden. Der Teilnehmer kann sich komplett um seine eigenen inneren Bedürfnisse kümmern. Die Anleitung mit den Methoden aus der Systemischen Beratung bringen neue Gedanken und neue Ansichten. Es ist möglich durch professionelle Fragetechniken sehr zügig zur eigenen Fragestellung zu kommen.

 

2.2.1 Systemische Methoden und Gesprächstechniken

Es gibt eine Vielzahl von Methoden und Gesprächstechniken in der Systemischen Beratung: Wunder,- Skalierungs-, Unterschiedsfragen und zirkuläres Fragen sind Möglichkeiten der Gesprächsführung. Die Verbindung (Joining), Zielformulierung, Auftragsklärung das Verschreiben von Hausaufgaben sind ein unvollständiger Auszug dieser möglichen Methoden.

 

2.2.2 Der Einsatz von systemischen Methoden/Gesprächstechniken

Im Folgenden gebe ich einige Beispiele von Methoden- und Gesprächstechniken aus der Systemischen Beratung, die ich auf begleiteten Pilgerreisen mit Gruppen von bis zu zehn Personen eingesetzt habe. Ich beschreibe den Grund des Einsatzes und die erreichte Wirkung.

2.2.2.1 Setting

Das Setting einer solchen Pilgereise ist ein auf dem Weg aufgezogener Raum von vielen Kilometern Länge. Zu diesem Setting gehören Unterkünfte mit Seminarräumen, Sehenswürdigkeiten und Ereignissen, wie dem Finden von Besonderheiten wie Geld, Wanderstöcken, Steinherzen oder Essbarem. Begleitet werden die Teilnehmer in der Regel durch zwei Personen. Die Begleitung beträgt ungefähr neun Stunden pro Tag. Davon sind circa fünf Stunden reine Gehzeit.

2.2.2.2 Ziel-/Wunschfragen

Schon vor einer Pilgereise bekommen die Teilnehmer Ziel-/Wunschfragen  zugesendet Beispiel: Angenommen, du hast die Pilgerreise zu deiner Zufriedenheit beendet. Welche Fragestellung / welchen Wunsch hast du dir nach der Reise beantwortet / erfüllt? – körperlich und geistig

Meine Intervention soll bewirken, dass der Kunde anfängt über seine Möglichkeiten und Chancen auf einer solchen Reise nachzudenken. Damit möchte ich realisierbare und messbare Ziele für den Kunden definieren, die in der Abschlussreflektion oder im Alltag nach der Reise eine positive Entwicklung erkennen lassen.

Der Umgang mit den Fragen führt meist dazu, dass die Reise als eine körperliche Herausforderung angesehen wird. Hier lasse ich mir vor dem Start die Sorgen beschreiben und frage nach Optionen, die sie haben. Ich beschreibe meine Funktion als Begleiter und die daraus entstehenden Möglichkeiten und lasse mir Berichte von positiven Erfahrungen auf vorherigen Touren und Wanderungen oder aus anderen Bereichen berichten. Wir „feiern“ jede erreichte Tagesetappe.

2.2.2.3 Skalierungsfragen

Eine weitere erste Intervention ist das Versenden von Skalierungsfragen an die Teilnehmer.

Die Skalierungsfrage gibt die Möglichkeit Themenfelder zu analysieren, die den Kunden interessieren. Sie erlaubt eine erste Auswahl, Einordnung und Priorisierung möglicher Themen. Aus meinem Konzept habe ich die Themen soziales Umfeld, Gesundheit, Glaube, Berufung und ein mögliches individuelles Thema außerhalb dieser Vorgaben, das sogenannte „Eigene Thema“, vorgegeben.

Das Ergebnis der Skalierungsfrage (siehe Anhang: Skalierungsfrage) ist in der Regel die Grundlage für erste Gespräche. Dies benutze ich um Selbsterfahrungsangebote anzupassen.

Die Skalierungsfrage führen oft zu dem Bereich soziales Umfeld, Familie eigene Beziehung und Trennung. In Gesprächen auf dem Weg arbeite ich mit Fragentechniken aus der Systemischen Beratung, vorrangig mit ressourcen- und zukunftsorientierten Fragen. Beim Pilgern können Gespräche immer wieder durch Mitpilger unterbrochen werden. Daher ist die positive Ausrichtung von Fragen und Gesprächen besonders wichtig, damit niemand in einer Leere, schweren Fragestellungen oder gar Trauer aus dem Gespräch zurück gelassen wird. Ein weiteres oft genutztes Themenfeld ist die Berufung. Dazu habe ich eine Selbsterfahrungseinheit der „Neujahrestour“ im Anhang angefügt. (Anlage: Neujahrestour)

2.2.2.4 Selbstwertgefühl

Schon bei den ersten Pilgertouren ließ ich Virginia Satir, Sozialarbeiterin und Dozentin für Familientherapie als imaginärer Mitpilger für die Teilnehmer an unseren Touren teilhaben. Ich stellte Virginia vor und nutzte einige ihre Texte wie zum Beispiel „Ich bin ich“ und „Die fünf Freiheiten“ um etwas von ihren Vorstellungen und Werten zu erfahren. Warum? Die Idee, einen zusätzlichen Begleiter, eine imaginäre dritte Person mit ihren Werten und Werkzeugen zu nutzen um Wahrnehmung und Achtsamkeit der Teilnehmer zu lenken, führte auch zu der zirkulären Frage: „Was würde Virginia Satir dir raten?“

Virginia Satir arbeitete gerne mit dem Selbstwertgefühl. Auf der Farm ihrer Eltern gab es einen großen eisernen Topf, der für die Herstellung und Aufbewahrung allerlei Dingen des täglichen Lebens benutzt wurde. Es konnte viel und wenig und sehr unterschiedliches darin sein, genau wie beim Gefühl für den eigen Wert. Diesen Topf nutzte Sie für den Klienten Ihn füllen zu lassen. (Quelle: http://www.zeit.de/1985/39/psychoanalyse-in-aktion, Psychoanalyse in Aktion, Virginia Satir: Begründerin der Familientherapie) Ich fülle auf den Reisen den Selbstwert der Teilnehmer u.a. mit einem Buchstabenspiel. Hier werden den einzelnen Buchstaben des Vornamen wie zum Beispiel Andrea, erster Buchstabe A positive Adjektive zugeordnet, wie A-aufgeschlossen

Ergebnis: Vielen fiel es am Anfang schwer sich positive Adjektive zuzuordnen. Nachdem sich die Einzelperson mit dieser Übung auseinander gesetzt hat, führte ich die Gruppe in eine zweite Übung. Nun konnten die Vornamenbuchstaben einer Person von allen anderen Teilnehmern mit positiven Eigenschaften belegt werden. Das führte zum einem regen Austausch unter den Teilnehmern und zu dem Ergebnis, dass das Selbstwertgefühl des Einzelnen durch die Gruppe gesteigert wurde. Diese Übung wurde auch oft in den Alltag hineingenommen.

2.2.2.5 Methapern

In den Pilgerpausen arbeite ich gerne mit Metaphern. Metaphern in Form von bildhaften Fabeln (lat. Fabula, „Geschichte“). Sie eignen sich besonders gut um einen Einstieg in interessante Gespräche zu bekommen. Zudem bleiben sie lange im Gedächtnis und lassen einen guten Bezug zum eigenen Leben herstellen. Es entstehen neue Sichtweisen auf Situationen, die Entlastungen und Lösungen anbieten.

In der Geschichte  von „Zwei Engeln“(Anlage: Zwei Engel), der Autor ist unbekannt, werden metaphorisch zwei Engel eingesetzt, die stellvertretend für uns in Situationen sind, die wir aus unserem Wirklichkeitsraum kennen. Die Pointe ist „Die Dinge sind nicht immer das, was Sie zu sein scheinen“. Das Gespräch produziert einige humorvolle Geschichten, die zeigen, dass Gedanken uns manchmal in die Irre führen und das Leben schwer machen können. Die Auflösung liegt meist im Kontext der Geschichte oder im Nachfragen.

2.2.2.6 Rituale

Das Schaffen von Ritualen eignet sich ebenfalls um eine Ordnung und Strukturen zu installieren. Rituale sind Abläufe, die sich wiederholen, wie zum Beispiel das tägliche ein- und auspacken vom Rucksack, die morgendliche Verabschiedung von der Herberge, der abendliche Einzug in eine neue Unterkunft, das Begrüßen und Verabschieden von Menschen, denen der Pilger in den Herbergen oder auf dem Weg begegnet. Selbst unterwegs kommt es zu Ritualen wie stille Zeiten oder Tagebucheintragungen.

Diese Rituale nutze ich auf zwei Ebenen. Die erste ist die physische: Zweimal am Tag gibt es das Angebot von Körperübungen. Die zweite, psychische Ebene,. bediene ich durch Meditationszeiten. Die Teilnehmer gewöhnen sich sehr schnell an diese Rituale und fordern sie auch im Laufe der Tour ein. Das bringt Ruhe und Orientierung für den Teilnehmer.

2.2.2.7 Schlussintervention

Auf den letzten Kilometern vor unserem Zielort wird die Reise mit ihren Herausforderungen, Eindrücken und Erfahrungen noch einmal in die Erinnerung der Teilnehmer geholt. Dazu gibt es einen Gesprächskreis der von mir moderiert wird. Abschlussfragen haben die Aufgabe, für den Teilnehmer wichtige Ereignisse Erfahrungen und Erkenntnisse präsent werden zu lassen. Die Teilnehmer berichten, meist von den Veränderungen, die sie erfahren haben. Zum Beispiel, berichtete eine Frau, 64 Jahre, das sie nun in der Lage sei zu Fuß 60 Kilometer und mehr zu gehen, das sie durch diese Reise mehr Vertrauen, zu ihrem Körper bekommen hat, aber auch zu anderen Menschen. Eine andere Teilnehmerin berichtete, dass sie Sachen gemacht habe, die sie sich sonst nicht traue, wie zum Beispiel singen. Manche haben das Gehen für sich entdeckt um zur Ruhe zu kommen. Eine Teilnehmerin, 45 Jahre alt, berichtete, dass Sie sich nun wieder traue ihre eigenen religiösen Werte zu leben. Viele schreiben mir, nach einer solchen Reise, dass sie anschließend Gespräche in ihrem sozialen Umfeld geführt haben, die sie lange aufgeschoben hatten und durch ihre Pilgerreise Klarheit und Mut zu diesem Schritt bekommen haben.

Im Nachgang bekommen die Teilnehmer eine Zusammenfassung der Reise in Bildform, einige ausgewählte Texte, so dass die Selbsterfahrungseinheiten und die positiven Erlebnisse in Erinnerung bleiben. Ziel ist es, das Erreichte für den Teilnehmer wieder lebendig werden zu lassen, zu konservieren und bei Bedarf wieder abrufbar zu machen. Diese Beispiele zeigen, dass die Methoden und Gesprächstechniken aus der systemischen Beratung in Kombination mit dem Pilgern bei den Kunden neue Ressourcen und Lösungen aktivieren, die sie in ihren Alltag integrieren

 

3.1 Möglichkeiten und Grenzen

Pilgern verbindet körperliche, geistige und seelische Herausforderung miteinander. Pilgerreisen besitzen einen signifikant positiven Einfluss für die Teilnehmer. (http://sjb-trier.de/wp-content/uploads/Diskussionspapier3_komm_11_12_1213.pdf. Universität Trier. Pilgern auf dem Jakobsweg. Erwartungen und Erfahrungen im Lichte einer Fragebogenstudie.). Die Entscheidung zu diesem Schritt ist auch mit einer Erwartung verknüpft, wobei belastende Themen bearbeitet werden können, um eine Verbesserung der Zufriedenheit zu erreichen. Das ist ähnlich, wie bei dem Besuch einer  Systemischen Beratung, wobei der Klient sich auch einen veränderten, positiveren Zustand wünscht.

 

Die Entscheidung zur Teilnahme durch den Pilger, signalisiert die Bereitschaft etwas  Neues zu tun und bietet den Raum mit Methoden und Gesprächstechniken aus der Systemischen Beratung zu arbeiten. Einfache Fragen nach dem Wohlbefinden (Wetterbericht) und wertschätzende Motivation (Ressourcenarbeit) bei schwierigen Wegetappen sind einfachste Formen den Selbstwert der Teilnehmer zu fördern.

Den Raum geben zum Austausch der Teilnehmer, das soziale Umfeld untereinander mit der Fokussierung auf einen Unterschied in der Wahrnehmung durch verschiedenste Impulse, wie immer neue Orte, bieten die Möglichkeit über Altes neu nachzudenken. Zum Beispiel sehen nicht wenige ihre Heimat einmal per Pedes erkundet mit anderen Augen.

Meine Erfahrungen nach, öffnen sich die Teilnehmer sehr schnell auf der Pilgerreise und sind für weitere Schritte bereit, zum Beispiel über das Erlebte zu reflektieren. Viele Teilnehmer sprechen lang ausgewichene Probleme in ihrem persönlichen heimischen Umfeld an, was sie unter anderem nach dem Motto „Störungen haben Vorrang“ auf einer Pilgerreise erlernen konnten.

Meiner Erfahrung nach ist der Glaube in unserer säkularen Welt trotz aller Verdrängung aus den öffentlichen Raum ein wesentlicher Bestandteil unserer Persönlichkeit. Nach wie vor suchen viele Teilnehmer einer Pilgerreise nach ihren Werten, nach ihrer persönlichen Aufgabe, nach sich selbst oder nach etwas Höherem. Dieses sich selbst wahrnehmen und der Mut sich und seine Werte auszudrücken sind dabei wichtige Bausteine, welche durch die Pilgerreise und die Skalierungsübung angestoßen werden.

 

Das Kennenlernen von Ritualen auf der Pilgerreise motiviert viele Teilnehmer dazu, sich selbst eigene Rituale in ihren Alltag einzubauen, die Ihnen Zeit lassen zum Innehalten. Einige Teilnehmer bilden sich positive Glaubenssätze, die sie in schwierigen Zeiten nutzen können, zum Beispiel „Ein Warum zum Wozu verwandeln“.

Das Gehen bewirkt eine Klarheit im Denken, das sehr gut für neue Ideen und Wirklichkeitsbetrachtungen genutzt werden kann. Die positive Irritation der Psyche darf wie bei Feenfragen oder Wunderfragen nicht zu weit von der Wirklichkeit bzw. Möglichkeit der Klienten entfernt sein, damit keine Überforderung und die damit einhergehende Frustration entsteht.

Die Erweiterung persönlicher Grenzen ist Teil meines Konzeptes. Durch verschiedene Wahrnehmungsübungen beim Gehen und durch Informationen über die individuelle Gehgeschwindigkeit unterstütze ich die Ausweitung der Grenzen. Genauso wie in der Beratung entscheidet auf der Pilgereise der Kunde, wie weit er gehen möchte, den Rahmen steckt der Berater.

Das Definieren der eigenen Berufung ist ein Thema das auch stark emotional geprägt und nach vorne in die Zukunft gerichtet ist. Veränderungen können nur dort stattfinden. Die Möglichkeit der Nutzung oder Nichtnutzung von Ressourcen kann in der Vergangenheit eines jeden Menschen begründet sein. Die Verbindung von Erlebnissen mit einem freudigen, liebevollen Gefühl lassen den Mut wachsen, Probleme anzugehen, da wir sie mit einen positiven Ausgang in Form eines Gefühls verbinden. Die Hinführung zu diesen Emotionen durch meine Pilgerbegleitung, ist ein Schlüssel zur Veränderung.

Wo sind nun die Grenzen der systemischen Methoden und Gesprächstechniken auf einer mehrtägigen Tour. Bei einer Gruppengröße von mehr als acht Personen ist es neben den vielfältigen anderen Aufgaben nicht möglich eine individuelle  Systemische Beratung durchzuführen. Der zeitliche Umfang lässt es nicht zu, innerhalb mehrstündiger Gehzeiten neben Gruppen- und Einzelveranstaltungen. Zudem sind einige Teilnehmer bereits stark körperlich beansprucht durch die ungewohnten Belastungen.

Auch liegt oft die Priorität der Pilgerteilnehmer nicht auf einer Systemischen Beratung. Vielfach wünschen sie lediglich einen Impuls oder einfachen Tipp.

Durch das Kennenlernen der systemischen Interventionen erweitert sich ihre Bereitschaft, bzw. entsteht die Idee der Inanspruchnahme einer zukünftigen Beratung.

 

3.2 Persönliche Reflektion

Die Weiterbildung zum Systemischen Berater ist ein wesentlicher Baustein für meine persönliche und berufliche Weiterentwicklung.

Die Kombination von Pilgerreisen und Systemischen Methoden und Gesprächstechniken ist sehr wirkungsvoll, das zeigen die Rückmeldungen meiner Kunden. Es bedarf noch Anpassungen und Weiterentwicklungen, jedoch das Grundkonzept funktioniert sehr gut und bringt einen echten Mehrwert für die Kunden.

Ob nun das Pilgern, so wie ich es verstehe, als Methode der Systemischen Beratung gesehen werden kann oder  Methoden und Gesprächstechniken der Systemischen Beratung ein Teil des Pilgerns sind, liegt meiner Meinung nach in der Betrachtungsweise und der Motivation des Kunden.

 

 

4. Quellen

Internet und Literaturverzeichnis

http://www.wanderforschung.de/files/pilgerstudie041330457204.pdf Was unterscheidet Pilger und Wanderer? Sonderauswertung der Profilstudie Wandern '04 Rainer Brämer

Stefan Albus (2016), Jakobsweg und dann. Was pilgern mit Menschen macht. Gütersloher  Verlagshaus

htpp.www.karteikarte.com/card/was ist die verkörperte Kognition

http://sjb-trier.de/wp-content/uploads/Diskussionspapier3_komm_11_12_1213.pdf. Universität Trier. Pilgern auf dem Jakobsweg. Erwartungen und Erfahrungen im Lichte einer Fragebogenstudie

http://www.Wanderforschung.de, Sinnsuche per Pedes, Markus Gamber und Julia Reuter.

http://www.zeit.de/1985/39/psychoanalyse-in-aktion, Psychoanalyse in Aktion, Virginia Satir: Begründerin der Familientherapie

10.2015 – 10.2016 im BSB Institut, Ülfestraße 21, 42477 Radevormwald,

Leitung von André Böhlig.

Oktober 2016

 

 

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