Eine Reise auf rumänisch

Eine Geschichte über alte Schubladen und kleine Lichter

Ein Reisebericht 17.04.– 24.04.2017 von Stefan Höne

Neugierde ist ein Antreiber in meinem Leben, der mich immer wieder in Situationen bringt, in denen ich mich frage: Willst Du das wirklich?

So packte mich auch die Frage von Johannes, mich an einem Hilfsprojekt für Rumänien zu beteiligen, genau an diesen Punkt, der Neugierde. Ich sollte ihn, Ehrhart und wie ich später erfuhr,  Erharts Frau Edith bei einem Transport von Hilfsgütern unterstützen und diese vor Ort auch teilweise verteilen.

1986 war mein bisher erster und einziger Besuch in Rumänien. Ich hatte am Schwarzen Meer günstig Urlaub machen wollen. Was ich damals dort erlebte an Kriminalität und Umweltverschmutzung, ließ mich, selbst als junger Erwachsener, aufschrecken.

Touristen aus Osteuropa wurden wie Menschen zweiter Wahl in den Urlaubsorten behandelt, wir aus Westdeutschland dauernd auf Westmark und Westprodukte angesprochen. Sahst Du Einheimische mit Westkleidung, fragtest Du dich, nach einigen Erfahrungen mit Einbrüchen und Diebstählen im Hotel, ob sie gerade Deine Kleidung trugen.

Die Mahlzeiten im Hotel waren nur mit entsprechender Nachbehandlung mit hochprozentigem Alkohol genießbar und verblieben dann auch erstmal im Magen.

Kurz: Das totalitäre System mit seinen Menschen rund um den rumänischen Diktator Ceausescu war mir in keiner guten Erinnerung geblieben.

Konsequenz dieser Erinnerung: Ich sagte: „Ja, ich reise mit nach Rumänien.“

Am Ostermontag, war geplant, nach einem guten Frühstück bei der Familie Koslowski, mit allen Beteiligten zu starten. Da gemeinsames Essen der kleinste gemeinsame Nenner einer Gemeinschaft ist, war ich gespannt auf meine Mitfahrer. Ich hatte im Vorfeld schon einige Informationen bekommen, und es schien mir doch durchaus möglich, eine gute Zeit miteinander zu verbringen.

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Johannes, mein Mitpilger im Kontakt mit Einheimischen

Soweit, so gut. Ostermontag, unser Starttag war weiß wie der Winter. Es hatte über Nacht im Bergischen Land geschneit, und Ehrhart und Edith waren mit ihrem VW Bus mit Doppelachshänger gerade bis hinter die Abfahrt Meinerzhagen gekommen und kamen bei dem Schneefall nicht weiter. Schon eine kleine Herausforderung, dachte ich mir und bewunderte insgeheim die beiden Oldies, beide in der Mitte der siebziger Jahre.

Sie waren bereits am frühen Morgen gegen drei Uhr in Hamburg gestartet, und durch die Aufregung hatten sie die letzte Nacht auch nicht geschlafen. Das konnten sie ja jetzt nachholen, so dachte ich mir.

Johannes brachte unser Schiff wieder in fahrbares Wasser, so dass wir zeitig losfuhren. Bei der nächsten Raststätte wurde erst mal Pause eingelegt, damit wir uns etwas kennenlernen und frühstücken konnten.

Mit Musik auf den Ohren ging es bald am Steuer durch die Nacht auf Ungarns Straßen. Die Bodenplatte des VW Busses brachte mir auch etwas Raum für eiwenig Schlaf zwischendurch, und so waren wir nach ungezählten Pausen, 1750 Kilometer, mit Tempo max. 90 Kilometer pro Stunde, Strafzettel waren ja selbst zu tragen, nach 27 Stunden beim „Haus der Hoffnung“ ini Selimbar bei Sibiu.

Angekommen, bekamen wir ein Gästezimmer, wofür die Küchenfee ihren Schlafraum frei machen durfte, und die Leitung unseres Tracks und Hilfsprojektes bekam ein kleines Apartment im Obergeschoß über den Eingangsbereich. So war  auch hier alles im Blick.

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Beim Abladen von Hilfsgütern

Das „Haus der Hoffnung“ war ursprünglich als Wohnheim für Mädchen gedacht, wurde mit der Zeit zum Seniorenheim. Es ist wirklich sehr gut und gemütlich für die alten Menschen hergerichtet. Die Investitionen, die in der letzten Zeit getätigt wurden, um den Ansprüchen nach Sicherheit und Komfort gerecht zu werden, waren enorm. Ein Aufzug, Brandschutzmaßnahmen, neue Innentüren und einiges mehr wurden angeschafft und installiert. Eine Hilfsorganisation aus Süddeutschland brachte, während unseres Aufenthaltes, sehr gute elektrisch verstellbare Krankenbetten und Kleidung, und ich konnte beim Abladen und Verteilen helfen.

Beindruckt hat mich, dass die Leitung des Hauses zu der Betreuung von Senioren und der Bereitstellung von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen auch soziale Projekte unterstützt und federführend leitet.

Eine Frau und gleichzeitig Großmutter, um die vierzig, wurde eingestellt, damit sie durch ihr Gehalt ihre Tochter und beide Enkelkinder versorgen kann. Ihren Enkelkindern wurde bereits eine Abschiebung in ein Kinderheim angedroht, sodass durch diese Unterstützung verhindert werden konnte, dass zwei Kinder in rumänische Heime gebracht worden. Für alle Seiten ein Gewinn.

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Den Beiden blieb eine Familie erhalten

Ein junger Mann, Vollwaise, um die zwanzig Jahre, arbeitet ebenfalls bei dem „Haus der Hoffnung“. Ich sah ihn, wie geschickt er sich um die Obstbäume kümmerte. Er hatte dort vielleicht erstmals ein soziales Netz gefunden, was ihn aufnahm.

Das „Haus der Hoffnung“ brachte für diese fünf Menschen mehr als nur Sicherheit. Der junge Mann lernte die Tochter kennen, deren Mutter ja dort arbeitet, und wie das Leben so spielt, sie verliebten sich.

Wir waren Gäste bei ihrer Hochzeit und gleichwohl alles sehr einfach war, waren die Brautleute und deren Familie mehr als nur berührt von der Großzügigkeit dieses Hauses. Sie durften erleben, wie Menschen ihnen halfen, eine Hochzeit zu organisieren und für eine kleine Feier und Essen sorgten.

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Die Braut in grün mit Mitarbeitern vom "Haus der Hoffnung"

Wir besuchten während dieser Woche noch einige Familien in ihren Wohnhäusern. Unangemeldet kamen wir mit einigen Nachbarn oder Kirchengemeindemitgliedern bei ihnen vorbei.

Wir brachten Kleidung, ein Gebet und ein Lied, das von Hoffnung und Gottes Nähe sprach. Was ich sah in diesen Häusern, waren bittere Armut , verfallene Häuser und teilweise verstörte Menschen.

Kinder, die nicht wussten, wie Schokolade aus Folien zu packen ist, Jugendliche, die auf den Boden schauten und das Geschehen irgendwie mehr oder weniger teilnahmslos über sich ergehen ließen. Großmütter, die mit uns gemeinsam beteten.

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Wohnhaus, nicht weit von Sibiu entfernt.

Ich bin mir sicher, dass die Menschen bemerken, dass es andere Menschen gibt, die Ihnen helfen. Mimi und Cornel, die Rumänische Leitung des Hauses, stehen dafür. Ich persönlich weiß nicht, wie  diese Menschen aus dieser Situation herauszuführen sind, oder ob das überhaupt möglich ist. Ich hoffe, sie spüren unsere gute Absicht.

Zu dieser Situation fällt mir ein Spruch von meiner Tante Irmgard ein, Dominikanernonne in Berlin:

„Lieber ein kleines Licht als gar kein Licht“.

Ein ganz großes Licht sah ich da bei einer alten Dame, die in einen der vielen Vororte von Sibiu in einem Hochhaus wohnt. Schon die Fassaden der Plattenbauten erinnern an die sechziger und siebziger Jahre. Die Treppenhäuser sind sauber und die Türen glänzen wie mit einen Schifflack lackiert. Als uns die Wohnungstür von dieser Dame geöffnet wird, begrüßt uns eine Frau auf Deutsch, die beste Freundin unserer Gastgeberin. Kaffeegeruch, Kuchen und Gebäck erwarten uns, und mir ist beim Verzehr ein wenig befremdlich, dass unsere Gastgeberin nicht mit am Tisch sitzt, sondern auf dem Sofa und von dort am Gespräch teilnimmt.

Die Inneneinrichtung dieser Wohnung erinnert an das Furnier meiner Großeltern, und ich fühle mich fast heimisch. Einscheibenverglasung bei den Fenstern ist ein Anblick, der mir lange nicht mehr vorgekommen ist. Wir überreichen unsere Mitbringsel und erfahren von dem Garten mit der einfachen Hütte in den Bergen, die Obst, Gemüse und jede Menge Walnüsse produzieren. Dort kommen diese beiden alten Damen nur mit dem Pferdefuhrwerk und zu Fuß hin.

Unsere Gastgeberin war bestimmt über siebzig und strahlte eine solche Wärme und Liebe aus. Wir sangen ihr unser Lied und verabschiedeten uns. Ich war froh, dass die armen Menschen in Rumänien doch noch Hoffnung haben.

Zum Schluss noch eine kurze Episode von meinem letzten Tag.

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Typisches Dorf am Rande der Karparten

Die Karpaten sind nicht weit von Sibiu und ich freute mich, dass ich trotz starken Schneefalls dort noch eine mehrstündige Wanderung erleben durfte. Nach einigen Recherchen und Unterstützung von Einheimischen machte ich mich auf den Weg und genoss die Bergluft, die Wälder, Dörfer und weiten Blicke. Ich durchstreifte kleine Bergdörfer und ihre Kirchen, die den Innenraum mit Holzöfen wärmten.

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Der Hund, der sich nicht traut 🙂

Ich sprach und lachte mit Hirten, dessen Hirtenhunde arge Bedenken vor mir hatten und wegliefen. Ein Autofahrer winkte mich auf einemNebenweg heran und nahm mich ungefragt mit bis an die nächste Weggabelung.

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Bahnhof Selimbar. Endstation für meine Tagestour.

Ein Bahnhofsangesteller und Schrankenwärter in Selimbar unterhielt sich mit mir in altem, gebrochenem Deutsch und sprach von der Korruption, unter der in diesem Land viele Einwohner leiden. Es ist genug da für alle, nicht nur für wenige Nimmersatte. Er fuhr  mit seinem Moped 20 Minuten zu seiner Arbeit und verbrachte dort in 12 Stundenschichten mit 2 weiteren Kollegen im Wechsel seine Zeit. Er wohnte in einem Einraumhaus mit seiner Frau zusammen. Die Kinder konnten studieren und er war sichtlich stolz auf sie. Sein Laster, das Rauchen störte ihn arg, er war heute noch nicht in der Lage, einfach aufzuhören. So sagte er mir. Es waren schöne und offene Begegnungen in dieser Woche mit den Menschen in Rumänien. So konnte ich meine alte Schublade der Vorurteile nochmals öffnen und ausräumen.

Mein persönliches Fazit dieser Reise: Es ist gut und richtig, dass wir bei diesen Menschen präsent sind, für die Rumänen und auch für uns. Das „Haus der Hoffnung“ ist wie eine Insel der Rettung für den benachteiligten und vergessenen Menschen in diesen Land.

Das dieses Projekt Wirklichkeit werden konnte, ist schon ein Wunder. Das aber ist eine andere Geschichte.

Hier noch eine tolles Video von Johannes Koslowski. Er ist Musiklehrer für Klavier und Gitarre. Das Klavierstück stammt aus seiner Hand. Er ist leidenschaftlicher Fotograf. Lass Dich mitnehmen auf die Reise nach Rumänien.

Mehr von Johannes findest Du hier : www.tastenharmonie.de

Einen Gruß von

Stefan

 

1 Antwort

  1. Hallo lieber Stefan, das war ein schöner Reisebericht über deine Rumänienreise. Da ich auch schon immer mit meiner Schwägerin Irina und Uli nach Rumänien wollte, bin ich jetzt wieder dafür angeregt worden. Irina habe ich auch schon seit Jahren immer Kleider u.a. mitgegeben, damit sie es dort verteilen kann. LgG Peter

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