Das alltägliche Pilgern

Beitrag, Stefan Höne, 01.12.2016. Es ist November. Heute ist der Tag  meines Abschlusskolloquiums im BSB Institut. Auf meinem Weg dorthin durchstreife ich mit dem Auto das Bergische Land. Das meiste  Herbstlaub hat schon festen Boden gespürt und nur noch wenige gut mit Nährstoffen versorgte Bäume halten ihre Farbenpracht in die Herbstsonne und trotzen dem aufkommenden Winden. Die Talsperre, der ich auf meiner Fahrt begegne ist randvoll gefüllt mit Wasser. Die Sonne spiegelt sich in ihr und es kommen Erinnerungen an warme Sommertage und kühlen Badespaß.

Zwei Jahre habe ich mich weitergebildet in einem Institut für systemisches Handeln und Supervision.

Es ist jetzt 14:00 Uhr, die Sonne scheint durch die Seitenfenster in den Institutsraum, der sich bei diesen November Wetter schlecht heizen lässt. Irgendwie ist es häufig kühl hier im Institut und das ist der Grund, das die Stuhlreihen, gepolstert sind mit hellen Decken von Ikea und dicken braunen Sitzkissen. In diesem Moment bin ich froh über die Temperaturen und in wenigen Minuten beginne ich den Vortrag und damit den erste Teil meines Abschlusskolloquiums. Mein Thema ist das begleitete Pilgern in Kombination mit systemischen Werkzeugen und Selbsterfahrung. Wie wirkt sich das auf die Pilger aus? Was verändert sich bei Ihnen auf einer solchen Reise und wie kann man das wissenschaftlich erklären? Ich mag es gerne, wenn Dinge sich erklären, warum Sie so funktionieren, wie sie funktionieren.

Ich bin angespannt, und die Vorbereitung zeigte mir, wie wichtig es ist, einen Blick auf das zu werfen, was mich persönlich berührt an diesem Thema. Der Rest ist langweilig, sagt meine Lebensgefährtin, das kannst Du im Internet nachlesen.

Ich bin nervös und mein Gehirn beginnt erste Worte und Sätze meines Vortrages vor zu formulieren. Ich habe noch einige Minuten Zeit. Die Teilnehmer und Dozenten versorgen sich noch in der Institutsküche mit allen notwendigen, vorzugsweise mit Kaffee und Tee. Der Flipchart, der neben mir positioniert steht, ist mit einigen Skizzen von mir präpariert. Ich sehe mich noch etwas im Raum um und finde Steine mit Beschriftungen auf einem Regal liegen. Ruhe steht auf einem, Mut und Aufbruch auf den anderen. Ich wähle ein daneben liegendes Stück Holz aus und nehme es in die Hand und spüre die Wärme vom Material. Ich bin immer etwas aufgeregt vor Vorträgen. Die meisten Menschen merken mir das nicht an. Ob das gut ist, das ich meine Aufregung in mir verstecken kann?

Eine wichtige Hilfe für mich ist die Kontaktaufnahme mit meinen Zuhörern. So auch hier im Vorfeld, wo ich meinem Institutsleiter mein gerade gestern praktiziertes Blitz- Entwöhnungsritual vom Zigarettenrauchen vorstellte.

Die Teilnehmer im Institut haben langsam ihre Plätze eingenommen. Vor mir versammelt sich eine Gruppe von studierten Psychologen und Pädagogen.

Ein Gedanke schießt durch meinen Kopf. Ich erinnere mich an die Einleitung vom Institutsleiter am heutigen Morgen.

Er motivierte uns mit den Worten, die Linearität von richtig und falsch sei eine Sozialisierung aus vergangen Tagen und dass wir diese als Systemische Berater aufheben können. Aha, jetzt weiß ich wieder warum ich hier bin. Das wollte ich immer schon mal, einfach aufheben und machen. Das fand ich schon als Achtjähriger gut und verbrauchte dafür Unmengen an Nägeln und Holz aus der Schreiner Werkstatt meines Vaters, um damit etwas zuerst auch für mich Undefiniertes zu erstellen. Mein großer Bruder fand das eher skeptisch und versuchte durch gezieltes Fragen heraus zu bekommen, wohin es den mit meinem Werkeln gehe. Das wusste ich immer erst gegen Ende meines Projektes und so wurde es diesmal ein Fluggerät, das nächste Mal ein Floß. Ich war stolz über meine Leistung und einige Fotos zeigen, dass es damals noch weitere Fans meiner Aktivitäten gab.

Das meint der Institutsleiter, sich nicht von vergangenen Denk- und Handlungsweisen verleiten lassen und immer in den gleichen alten Rollenspielen zu verfallen.

Wir haben jeden Tag die Wahl, neue Bewertungen vorzunehmen, auch von einer Abschlussprüfung, die nicht nur aus bestanden oder durchgefallen besteht. Sondern auch aus dem Interesse ein eigenes Thema vorzustellen, das am Herzen liegt.

Einfach machen, was gerade so passiert. Irgendwie entlastet mich das und ich beginne meinen Vortrag.

Das Thema gleitet mir über meine Lippen nach außen. Die ersten Worte und Sätze scheinen wie auswendig gelernt aus mir hervor zu sprudeln. Meine Gehirn hat Zeit irgendwo freie Kapazitäten zu aktivieren mit Nebengedanken wie, „Langweile ich die gerade?“. Es ist sehr still im Raum und schon bildet sich der nächste Gedanke: Es ist nicht einfach, ohne Resonanz wie Mimik, Nicken oder eine Bemerkung wie „Aha,“ zu einem Gegenüber zu reden.

Ich beschreibe gerade meine Definition vom Pilgern, aus welchen Bestandteilen es besteht und wie sich das Gehen auf unseren Körper auswirkt.

Gleichzeitig sehe ich mich wieder auf diesen Berg. Es war der Anfang meiner ersten Pilgerreise quer durch Spanien. Ich sehe die Bergstation, den Tisch, auf dem meine Kamera für ein Selbstportrait platziert ist. Mein erstes Fotos von mir und meinem Weg. Das orangene Sweatshirt und meine graue Wanderhose, die ich damals trug, sollten noch auf vielen Bilder abgelichtet werden.

Vor mir liegt ein zerstörter Weg. Die Holzbrüstung, die mir Sicherheit beim Abstieg geben sollte, ist durch Schnee und Regen zerstört. Umgeworfen liegen die Hölzer am Boden, versunken im Matsch. Mein Weg der vor mir liegt, besteht aus kleinen und großen Wasser Rinnsalen, gemischt mit nassen Schnee- und Eisfeldern.

Pilgern mit Stefan Höne, Camino am Somport Pass

Meine erster Tag auf dem Camino am Somport Pass

Das war am Morgen des  8. Mai 2013. Ich stand am Somport Pass an der Grenze zwischen Frankreich und Spanien auf 1600 Meter Höhe in den Pyrenäen. Es war Mai und das Wetter hatte den Charme von November. Kalt und regnerisch. Die einzigen beiden Insassen die mit mir zusammen zu diesen unwirklichen Ort fuhren und mit mir den Linienbus geteilt hatten, verschwanden schon bei der letzten Haltestelle. Sie waren Skifahrer, die jetzt im Mai bei Regen und Temperaturen um die Null Grad die letzten Abfahrten auf nassen Restschnee erleben wollten. Der Busfahrer nahm mich mit bis zur Endstation und als ich dort ausstieg fand ich nur eine Trafostation und einen großen Wendeplatz für Busse.

Mein Ziel war aber der Einstieg in einen, wie ich eineinhalb Monate später wusste 1100 Kilometer langen Weg. Den Jakobsweg nach Santiago de Compostela. Nun war ich hier und versuchte dem Busfahrer, der wohl jetzt Feierabend hatte oder zu mindestens Pause, in meinen besten nicht vorhanden Französisch meinen Einstieg in den Ausstieg zu beschreiben. Ich hatte Glück, der französische Busfahrer fuhr mich zu einen Hinweisschild, das auf meinen ersehnten Camino zeigte. Ich war überwältigt und glücklich und umarmte Ihn intuitiv. Dieser verabschiedete sich etwas irritiert von meinen Gefühlsausbrüchen und verschwand mit seinen Bus um die nächste Ecke.

Meine Reise war erst sieben Tage alt und ich hatte schon Bekanntschaften gemacht. Sie heißen Einsamkeit und Stille. Beides Partner, die ich lange nicht mehr gewürdigt hatte. Meine Motivation auf diesen Weg zu sein änderte sich mit jedem Kilometer. Der ursprüngliche Grund für diese Reise war die Zahl dreihundert. Wie würdest Du heute leben, wenn Deine Lebenszeit noch 300 Tage beträgt?

Diese Frage wollte ich mir beantworten. Und um diese Frage zu erörtern, hatte ich mich für eine altmodische Pilgerreise entschieden.

Aber dieser Weg hat seinen eigenen Plan. Ich war erst wenige Kilometer talabwärts gestiegen, als ich ein gewaltiges Donnern und Rauschen hörte. Ich bahnte mir einen kleinen Pfad durch einige Büsche in Richtung dieses Geräusches, um die Ursache zu finden und nach einigen Minuten sah ich IHN. Einen gewaltigen Wasserfall, genährt mit viel Schmelzwasser und Regen. Der kleine See der von ihm gefüttert wurde, sprudelte und rauschte und schien sich nach allen Seiten zu strecken. So schnell wie das neue Wasser von hoch oben in den kleinen See eintauchte, floss es auch weiter und bearbeitete die Uferseiten mit seinem feuchten Element. Ich nahm dieses Bild in mir auf und es begann eine Geschichte in mir zu entstehen, von großen und kleinen Verlusten die jeder von uns schon einmal erlebt hat. Menschen die zu früh gegangen sind, Freundschaften die nicht hielten oder Krankheiten, die scheinbar keine Heilung kennen.

Dieser Wasserfall schliff die Felsen rund und geschmeidig, so wie ein frisch aufgeschlagenes Kopfkissen mit frischem Bezug. Und ich bekam eine Erkenntnis geschenkt. So wie dieser Wasserfall die Steine und Felsen formt, formt das Leben unsere Seele, unseren Geist und sogar unseren Körper. Alle die großen und kleinen Geschichten, die unser Leben schreibt, sind wie das Wasser dieses Wasserfalles. Mal fließt wenig, in kleinen Rinnsalen und wir merken kaum das wir uns verändern, manchmal arbeitet ES mit großer Kraft an uns. Ich wurde etwas traurig und war auch erleichtert. Ich bekam das Gefühl, nicht zufällig hier zu sein, sondern das jedes Erlebnis einen wirklichen Sinn hat.

Sinn war auch das Wort, das mir zu meinen Vortag im Institut einfiel.

Welchen Sinn macht es, über Pilgern auf einer  Systemischen Weiterbildung zu reden, wo doch  Einzelpersonen, Paare und Familien beraten werden sollen. Ich war mir darüber im Vorfeld nicht so sicher. Die Wahl des Themas, die Verbindung von begleiteten Pilgern, Psychologie und Wissenschaft, ließen nach einigen Anläufen Zweifel aufkommen, ob ich nicht da etwas verheiraten wollte, wo Eltern und Schwiegereltern ein berechtigtes Veto einwerfen würden.

Mein erste Ausführung der Hausarbeit war eine Abhandlung von Copy and Place Elementen, die ich aus diversen Quellen heraus kopierte. Ich traute mir nicht zu, mich auf das einzulassen, was ich selber an Erfahrungen und Erkenntnissen in den letzten Jahren bereits gesammelt hatte. Meine engsten Vertrauten, denen ich meine Ausführungen zu hören gab, schüttelten nur verständnislos die Häupter. Das bist doch nicht Du, hörte ich nur und wo sind all die wunderbaren Erlebnisse! Ich bekam echte Zweifel. Zwei Jahre Ausbildung, Kündigung eines guten Jobs, nur um jetzt festzustellen, das packst Du nicht.

Und als ich an diesen Punkt war und ich merkte, mit Standard und vorgefertigten Platzhaltern wirst Du diese Aufgabe nicht hin bekommen, da begann das wirkliche Abenteuer. Du hast keine Kontrolle mehr, was als nächstes passiert und du weißt gleich wird etwas entstehen, was nur Du zusammenbauen kannst. So wie ich als kleiner Junge, der herumwerkelte im Vaters Werkstatt.

So stand ich nun hier im Institut und sprach von Interventionsarten, von Fragetechniken und Selbsterfahrungseinheiten und deren Auswirkung auf meine Kunden. Wie sich Sichtweisen von Mitpilgern auf den von mir begleiteten Reisen verändern, verlorene Werte sich wieder finden und der Mut wächst, sich an Themen heran zu wagen, die schon lange im Argen waren und auf Erlösung warten. Fragen sind ein wirkungsvolles Werkzeug, um Menschen ins Nachdenken zu bringen und neue Sichtweisen und Lösungen zu generieren.

Camino Freundschaften

Nike Mee und Stefan Höne

So auch auf Pilgerreisen. „Where will you go and who will go with you“, fragte mich mein australischer Begleiter aus Brisborn. „The first question is the most important one“. Wohin willst Du gehen und wer soll mit Dir gehen? Die erste Frage ist die wichtigere.

Diese Frage krachte auf den spanischen Camino 2013 wie ein Hammerschlag in meine Existenz. Es schien für mich die Urfrage der Fragen zu sein. Manchmal verliert man seinen Weg aus den Augen und bemerkt es erst nicht einmal.

Wohin willst Du eigentlich, Stefan?

Was für eine Frage auf den längsten Weg Europas. Der Fragesteller dieser zutiefst systemischen Frage war Mike Mee, 55 Jahre alt, Funk Ingenieur aus Australien, Brisborn und Vater von vier Kindern.

Also auch kein Psychologe. Wir hatten uns in Jaca in einer Gemeindeherberge kennen gelernt. Er lag, nur durch eine rot gepinselte Spanplatte getrennt neben mir und hatte einen Tag aus Krankheitsgründen pausieren müssen, sonst wären wir uns wohl nicht so bald begegnet.

Wir befanden uns mitten in den Pyrenäen. Die Wanderungen waren voller Mystik und Zauber. Wir folgten lange dem Fluss Aragon und die Pilgerherbergen waren in alten Landhäusern und Burgen untergebracht, deren Mauern auf Felsen gebaut wurden und so die Jahrhunderte überdauert hatten, um heute Pilger aus aller Welt zu beherbergen. Ich traf mich nun schon einige Tage mit meinem neuen australischen Freund wieder, zuerst zufällig, dann abgesprochen, meist abends in einer Herberge.

Tagsüber sahen wir uns beim Picknick oder während eines Schläfchens auf bunten Wildwiesen, voll mit roten Mohn und anderen Blumen. Wir waren alleine unterwegs auf alten Höhenwegen und ich hatte eine Menge Zeit mich in Selbstgesprächen verwickelnd fort zu bewegen. Schließlich wollte ich auch mal eine intelligente Sichtweise zu meinem Thema hören.

Mein Thema war es also zu erkunden, wo meine Pilgerreise des Lebens hin gehen sollte.

Meine erste wichtige Frage und die damit verbundenen Herausforderung auf dem spanischen Camino schien nun direkt mit meinen Thema und jetzigen großen Herausforderung meiner beruflichen Veränderung zusammen zu hängen. Ich habe das Gefühl ich beantworte in diesem Kolloquium, vor diesen Menschen einen Teil meiner Frage, Where will I go?

Die Frage die noch für Dich übrig bleibt ist:

Where will YOU go?

Wohin willst Du gehen?

 

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